Taiji School Berlin

Grandmaster Huang Sheng Shyan

1. Frage: Gibt es verschiedene Schulen oder Sekten im Tai Ji?

Antwort:
Tai Ji verkörpert eine umfassende Wissenssammlung.
Es wurde entwickelt und weiter gereicht von unseren gelehrten Vorfahren und bietet sowohl rätselhafte Prinzipien als auch profunde philosophische Lehren.
Die Bewegungen des Tai Ji wie auch seine Prinzipien beruhen auf wissenschaftlichen Grundlagen.
Unsere Vorfahren entwickelten diese Kunst, um die menschliche Gesundheit zu verbessern, Krankheit abzuwehren, den Alterungsprozess zu verlangsamen, Langlebigkeit zu erreichen und sich selbst zu verteidigen.
All dies dient der Menschheit und Gesellschaft. Gute Charakter-Bildung wird gefördert.
Ein Anhänger, der das Dao (oder die Philosophie als Lebensweg) des Tai Ji in sich aufgenommen hat, würde zu einer ordentliche Regierung und universellem Frieden beitragen.
Tai Ji ist keine Kampfkunst, die Angeberei und Raufereien dient.
Ein Tai Ji Vertreter müsste die Prinzipien und die Philosophie des Tai Ji verstehen. Niemand sollte von diesen Prinzipien und der Philosophie abweichen.
Die Bewegungen können entwickelt und verändert werden, aber die Prinzipien bleiben ewig. Die äußere Form mag sich von Person zu Person unterscheiden, aber die Prinzipien sind einheitlich und unveränderlich.
Darum gibt es keinen Grund für eine Unterscheidung nach Schulen. Vielmehr sollte der Geist einer einzigen Familie vorherrschen.
Allgemeines Wohlergehen sollte bei dieser Kunst Vorrang vor persönlichem Interesse haben. Eine offene Haltung sollte sich ergeben, immer im Gedenken an den Geist des Gründers und der Vorfahren, die die Verbreitung der Philosophie des Tai Ji in der Welt und die Verbesserung der Gesundheit der Menschheit anstrebten.

2. Frage: Wie sollten wir Tai Ji üben, um Genauigkeit zu erreichen?

Die Kluft zwischen genauer und nicht-genauer Errungenschaft ist weit.
Erinnere die Worte des alten Meisters Wang Tsung Yueh, dass der Körper natürlich und vertikal im Gleichgewicht sein soll, ohne die Prinzipien des Entspannt-Seins, Rund-Seins sowie des Gewahr-Seins der verschiedenen Teile des Körpers zu vergessen.
Während der Übung einer Bewegungsabfolge muss man sorgsam sein, aufmerksam oder wachsam, achtsam und man muss fühlen wo man sich bewegt.
Andernfalls gibt es Form ohne Inhalt und Irreführung von Menschen.
Um Genauigkeit zu erreichen, müssen zusätzlich zu den Prinzipien des Tai Ji die richtigen Übungsmethoden befolgt werden.
Ein guter Meister ist erforderlich - gepaart mit dem eigenen beharrlichen Forschen.
Die Kunst muss Schritt für Schritt erlernt werden mit der Notwendigkeit, zunächst ein solides Fundament zu entwickeln, bevor man zur nächsten Stufe fortschreitet.
Persönliche Erfordernisse sind ebenfalls bedeutsam. Man muss entschlossen,  überzeugt, beharrlich und motiviert sein.
Ein gesichertes Einkommen in einer normalen Umgebung verbunden mit zielstrebigem, konstantem Lernen und Üben sowie einem klaren und tiefen Verständnis der Prinzipien – all dies wird zur Erreichung von Genauigkeit führen.
Dies steht im Gegensatz zu jenen, die schnell lernen wollen, die sich mit den äußeren Formen beschäftigen und nur sporadisch lernen und üben.
Diese Leute hoffen, zuerst zu lernen und anschließend korrigiert zu werden, ohne zu begreifen, dass dies schlechter ist, als wenn man einen Neuling von Anfang an unterrichtet.
Andere nehmen die Tai Ji-Prinzipien nicht so genau oder zu oberflächlich und verwechseln die Kunst mit einer bloßen Übung, einem Drill oder einem Tanz.
All dies hat zwar Form doch keinen Inhalt.
Man muss seinen Körper wie eine perfekte Maschine verstehen, wo ein falsches Ersatzteil den gesamten Betrieb der Maschine beeinträchtigt.
Der Gründer des Tai Ji sagte:
"Das Dao zu erreichen, ist wichtig. Wer mein Dao nicht erlernt, ist nicht mein Schüler."
Darum sind auch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wichtig oder ein guter moralischer Charakter.

3. Frage: Es gibt verschiedene Formen von Tai Ji – sind deren Prinzipien unterschiedlich?

Der Gründer erschuf diese Kunst. Doch mit den Jahren haben sich die Formen des Tai Ji vervielfältigt.
Manche haben 24 Grund-Bewegungen während andere 37 haben. Manche haben Abfolgen mit 64 und andere haben 72 Bewegungen, wieder andere haben andere haben 108 oder gar 124 Bilder.
Es gibt lange und kurze Abfolgen. Bewegungen wurden groß und ausladend oder auch klein und kompakt ausgeübt. Manche betonten einen hohen Stand, andere entschieden sich für einen tiefen Stand. Manche üben langsam, andere in einem raschen Tempo.
All diese Abweichungen sind von Menschen gemacht.
Dahingegen ist wichtig, dass die Prinzipien dieselben bleiben.
Verschiedene Meister mit unterschiedlichen Temperamenten haben über die Jahrhunderte hinweg die grundlegenden Prinzipien verfolgt.
Ihr Engagement galt der fortwährenden Erforschung und Übung. Sie überprüften und verbesserten die Kunst bis das höchste Ziel erreicht war, wo die Form formlos wird, Gliedmaßen keine Rolle mehr spielen, rohe Kraft nicht mehr existiert und die Steifheit der vollen Entspannung gewichen ist.
Die Bildung des Charakters hat die fortgeschrittene Stufe der „Selbst-losigkeit“ und Widerstandslosigkeit erreicht, so dass der gesamte Körper genutzt wird und Hände nicht mehr als Hände eingesetzt werden. Jugendlichkeit und Langlebigkeit sind erreicht.
Es ist nicht einfach, korrekte Formen zu meistern, in dem Sinne, dass das Qi und die Prinzipien der Kunst innerlich harmonisiert sind.
Die Harmonisierung muss ebenso zwischen dem oberen, mittleren und unteren Teilen sowie zwischen dem linken und rechten Teil des Körpers erreicht werden.
Obwohl das Meistern der korrekten Form für sich genommen schon schwer ist, ist dies jedoch noch relativ einfach im Vergleich zur Erreichung von Geschick in der Kunst.
Dies liegt daran, dass im Training oder Üben eine Anzahl normalerweise nicht wahrnehmbarer Teile des Körpers in Bezug auf Aspekte wie Schnelligkeit, Timing, Rhythmus und Balance sehr schwer unter Kontrolle zu bekommen sind.
Aus diesem Grund, ist Kunstfertigkeit im Tai Ji schwer zu erreichen.
Doch wie der Gründer sagt:
"Einen Teil der Kunst zu verstehen, würde bedeuten, dass einem sämtliche Teile des Ganzen einleuchten.
Dann werden alle Schulen und Sekten eins."

4. Frage: Ist es besser Tai Ji öfter oder weniger oft zu üben?

Es gibt keine Extreme im Tai Ji. Die Essenz liegt in der Trainingsmethode.
Wenn die Methode nicht korrekt ist, dann unterscheidet es sich nicht von herkömmlichen Trainingsweisen oder Drills, die viel Zeit beanspruchen aber relativ wenig bewirken.
Es ist also keine Frage des mehr oder weniger häufigen Übens, sondern vielmehr eine Frage des richtigen Übens.
Das bedeutet: Das zentrale Gleichgewicht muss vertikal erhalten werden.
Jede Bewegung muss so diszipliniert sein, dass die Haltung vertikal balanciert ist.
Die Prinzipien bleiben unveränderlich: In einer Biegung liegt Geradlinigkeit und umgekehrt.
Es muss konstant gelernt und geübt werden, um die Prinzipien und die weniger offensichtlichen Punkte zu verstehen.
Die Meisterung dieser Prinzipien wird Geschick auf natürliche Weise hervorbringen. Aus diesem Grund ist es also keine Frage des zu viel oder zu wenig Übens, sondern vielmehr, ob man auf die richtige Art übt.

5. Frage: Ist es korrekt, die Kunst schnell oder langsam zu üben?

Die Erde rotiert mit einer bestimmten, gleichmäßigen Geschwindigkeit.
Ebenso sollte Tai Ji weder zu langsam noch zu schnell, sondern in angenehmem Tempo geübt werden.
Der menschliche Körper muss natürlich bewegt werden, andernfalls würde er geschwächt.
Wenn das Üben zu schnell ist, wird die Atmung in Mitleidenschaft gezogen, was zu unregelmäßiger Atmung und Atemlosigkeit führt sowie das Herz zu schnell schlagen lässt.
Wenn das Üben zu langsam ist, werden die Gliedmaßen und Gelenke steif. Das Qi wird blockiert und stagniert in manchen Bereichen: Intention oder Bewusstsein werden verwendet, aber das Qi fließt nicht.
Innere Kraft und Qi müssen synchronisiert werden.
Innerlich gibt es die Harmonie von Libido, Energie, Qi und Geist, während äußerlich der Verstand, das Bewusstsein (oder die Intention) und Körper ebenso harmonisiert werden und in diesem Zuge werden sowohl die inneren als auch die äußeren Harmonien synchronisiert.
Die Muskeln müssen entspannt sein und alle Teile des Körpers sind auf natürliche Art ohne Anspannung.
Somit ist es nicht möglich zu sagen, dass schnelles Üben korrekt ist oder, dass langsames Üben korrekt ist, da dies beides von der Messlatte oder dem Niveau der Fähigkeiten des jeweils Übenden abhängt.
Man muss solange üben, bis der gesamte Körper entspannt und angenehm balanciert ist.
Ist die äußere und innere Synchronisation erst einmal erreicht, ist die Frage des langsamen oder schnellen Übens unwichtig.
In diesem Zustand hat man das Gefühl, als wäre der Oberkörper wie das Ziehen von Wolken und der Unterkörper wie das Fließen von Wasser.
Das Bewusstsein ist ununterbrochen und mit der Bewegung harmonisiert. Alle Teile des Körpers sind natürlich und verbunden. Dann ist  "Schnell" oder "Langsam" keine Frage mehr.

6. Frage: Ist es richtig, in den Tai Ji-Bewegungsabfolgen eher hohe oder niedrigere Stände einzunehmen?

Die Kunst des Tai Ji unterscheidet nicht zwischen hohen und niedrigen Ständen, sie ruht vielmehr auf der Idee der vier "Ausgewogenheiten" oder Gleichgewichte:
(i) Ausgewogenheit im Ausmaß des Bildes oder der Bewegung. So müssen zum Beispiel während der Bewegung beide Seiten des Körpers eine ausgewogene räumliche Verlagerung erfahren.
(ii) Akkuratheit oder Präzision, die gleichzeitig in allen Teilen des Körpers erreicht wird.
(iii) Körperliches Gleichgewicht während der Bewegung oder Drehung.
(iv) Beständigkeit, insbesondere während der Bewegung.

Äußere und innere Ausgewogenheit oder Harmonie müssen dort kultiviert werden, wo es keine Schräglage (Neigung) in der inneren Achse des Körpers gibt.
Wenn die Kraft aus dem hinteren Bein abgerufen wird, dann wird sich das gebeugte hintere Knie leicht aufwärts bewegen oder strecken, doch die Höhe des Körpers bleibt unverändert.
Dies geschieht deshalb, weil sich Bewusstsein (oder Intention) und Qi im Zentrum "schließen" bzw. verdichten anstatt aufzusteigen, während das gebeugte Knie benutzt wird, dies angemessen auszugleichen.
Bewusstsein wird benutzt, die Muskeln in die Entspannung zu führen.
Gelenke, Muskeln und Sehnen müssen dann gelöst sein, entspannt und “sperrangel-„weit geöffnet, aber immer noch verbunden. Der Körper ist dann aufrecht und komfortabel.
Bewusstsein wird ebenfalls benutzt, um die Tai Ji Prinzipien zu Teilen des Körpers "hinzubewegen".
Sobald die „vier Ausgewogenheiten und acht Beständigkeiten" erreicht sind, beantwortet sich die Frage nach hohen oder niedrigen Ständen dann individuell.

 

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